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Stoppt die Gewalt gegen Frauen!

Was Männer gegen sexualisierte Gewalt tun können "Nicht Mittäter werden, nicht schweigen – und nicht verharmlosen!"

Pressekonferenz Brigitte
Pressekonferenz zur Brigitte-Studie "Generation Wir"
© Brigitte
Die BRIGITTE-Studie zeigt: Gewalt gegen Frauen steigt. Viele Männer schweigen dazu. Eine Expertin erklärt, wie sich Männer gegen sexualisierte Übergriffe stark machen können (und sollten).

Jede vierte Frau hat bereits einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt erfahren. Fast zwei Drittel haben sich schon mal sexuell belästigt gefühlt und jede vierte Frau unter 30 hat Sexismus oder Hass in den sozialen Medien erlebt. Es sind schockierende Zahlen, die mithilfe der repräsentativen Brigitte-Studie "Generation Wir" zum 70-jährigen Jubiläum von Brigitte offengelegt wurden. "Schockierend, jedoch nicht überraschend", gibt Paula-Irene Villa-Braslavsky zu bedenken. Sie ist Professorin an der LMU in München im Bereich Soziologie und Geschlechterforschung, hat die Studie begleitet und die Zahlen im Rahmen der Pressekonferenz für uns eingeordnet. 

"Aktivismus steigert das Problembewusstsein"

Ausgerechnet das eigene Zuhause, das doch eigentlich ein sicherer Schutzraum sein sollte, ist auch 2024 immer noch der gefährlichste Ort für Frauen. Laut "UN Women" wird alle zwei Tage eine Frau in Deutschland von einem Partner oder Ex-Partner getötet. Femizid nennt man den Mord aus geschlechtsspezifischen Gründen. Das hört sich schlimm an – und ist es auch –, aber unsere Expertin kann den Zahlen etwas Positives abgewinnen. Sie seien nämlich auch ein Zeichen dafür, dass das Problembewusstsein wächst und das gelte es zu würdigen, so Villa-Braslavsky. 

"Über die letzten Jahre gab es sehr viel Aktivismus, feministische Bewegungen haben das Bewusstsein dafür gesteigert, dass Gewalt an Frauen passiert und dafür gesorgt, dass Übergriffe nicht kleingeredet oder unter den Teppich gekehrt werden", sagt die Expertin. Die #Metoo-Debatte beispielsweise hat unser Bewusstsein dafür geschärft, welchen sexuellen Übergriffen und Respektlosigkeiten wir im Alltag ausgesetzt sind.

Sei es der Chef, der anzügliche Kommentare macht, der prollige Typ im Auto, der uns anhupt und hinterherpfeift oder die Kollegen, die in der Kantine ihre frauenverachtenden Witze zum Besten geben. Früher wäre uns das vielleicht gar nicht aufgefallen, weil wir gelernt haben, dass solche Grenzüberschreitungen durch Männer normal sind und zum Leben dazu gehören. Die BRIGITTE-Studie zeigt, dass sich das ändert.

"Männer müssen sich als Teil der Wirklichkeit begreifen"

Zudem hat die Studie belegt, dass auch jeder dritte Mann wahrnimmt, dass sich im Bereich (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen nichts oder zumindest fast nichts verbessert hat. Das passt irgendwie nicht zusammen, wenn der Ursprung der Problematik doch bei den Männern liegt – oder nicht? 

"Wir müssen in dem Diskurs davon wegkommen, immer nur auf Frauen und auf junge Mädchen zu schauen und zu überlegen, wie sie sich schützen können – natürlich ist auch das alles richtig und wichtig – aber viel wichtiger wäre es, die Jungs beiseite zu nehmen und zu sagen 'Hey, ihr findet das schlimm, dann muss auch eine Praxis folgen'", bestätigt Villa-Braslavsky. Das sei gar nicht so schwer: "Nicht Mittäter werden, nicht schweigen, nicht verharmlosen, es nicht lustig finden und es auch nicht geschehen lassen."

"Da könnten Männer wirklich noch viel mehr tun – und das müssen sie auch", fügt die Soziologin hinzu. Im Vergleich zu dem, was Frauen teilweise aushalten müssen, scheinen diese Forderungen nicht zu viel verlangt. Und dennoch sieht die Realität zurzeit noch anders aus: Denn Normalkultur ist, dass die Bundesregierung immer noch nicht der Istanbul-Konvention beigetreten ist, Femizid immer noch kein Tatbestand im Recht ist und auf dem Oktoberfest – wie jedes Jahr – von Gewalt gegen Frauen, Upskirting und Sexismus berichtet wird. 

"Es sind nicht immer nur die anderen"

Gewalt gegen Frauen ist ein strukturelles Problem, das heißt, wir kommen nur mit weitreichenden Veränderungen in der Politik und Bildung weiter. Stereotype werden nämlich überall reproduziert, nicht nur zu Hause am Küchentisch, sondern vor allem in Bildungseinrichtungen und in den Medien. 

"Man muss von den Opferbildern in Filmen und Serien wegkommen, Frauen werden viel zu oft als verletzungsgefährdet dargestellt und Männer als unbeteiligt oder die, die nicht anders können", sagt Prof. Dr. Villa-Braslavsky, "Das fängt schon im Kindesalter an, wenn gewalttätiges Verhalten bei kleinen Jungs romantisiert wird, nach dem Motto 'Ach, der kleine Racker, der muss sich nur mal richtig austoben'."

Die Schuld bei den Müttern zu suchen, die in der Erziehung versagt haben, sei ebenfalls eine gängige Praxis. "Männer müssen sich als Teil dieser Wirklichkeit begreifen, denn es sind eben nicht immer nur die anderen. Es kann der ganz normale Nachbar von nebenan sein, der Lehrer, der Sohn. Männer sind Teil dieser Strukturen, auch wenn sie vielleicht nicht unmittelbar der Vergewaltiger sind." Denn alle Geschlechter haben das Recht darauf, frei von Gewalt zu leben und über ihre Körper zu entscheiden. Bis wir da angelangt sind, gibt es jedoch noch einiges zu tun. Das wird zum Glück immer mehr Menschen bewusst.

Brigitte
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