Gender-Pay-Gap: „So hartnäckig wie andere Ungleichheiten“
03.03.2025
Interview mit Soziologin Anna Zamberlan über die Situation von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt.
03.03.2025
Interview mit Soziologin Anna Zamberlan über die Situation von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt.
Szene auf dem World Economic Forum in Davos | © picture alliance / Photoshot | ©World Economic Forum / Avalon
Am Lehrstuhl für Quantitative Sozialforschung des Instituts für Soziologie untersucht Dr. Anna Zamberlan geschlechtsspezifische Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt. Sie konzentriert sich dabei auf die Ursachen, warum Männer und Frauen in unterschiedlichen Berufsfeldern tätig sind, Diskriminierung am Arbeitsmarkt und Lohnungleichheiten.
Der 7. März ist der deutsche Equal Pay Day. Wie eng liegen die Gehälter von Männern und Frauen beieinander?
Anna Zamberlan: Die geschlechtsspezifische Lohnlücke hat sich seit den 1980er-Jahren verringert, wie Studien zeigen. Das ist hauptsächlich auf das höhere Bildungsniveau von Frauen und ihre verstärkte Teilnahme am Arbeitsmarkt zurückzuführen. In den 1990er-Jahren verlangsamte sich dieser Fortschritt, in den 2000er-Jahren stagnierte er beinahe. Aber nicht nur diese Lohnlücke bleibt bestehen, auch andere geschlechtsspezifische Ungleichheiten halten sich hartnäckig – wie Diskriminierung bei der Einstellung, eingeschränkte Aufstiegschancen für Frauen und Vorurteile gegenüber Müttern am Arbeitsplatz. Vollständige Gleichheit zu erreichen, erweist sich als Herausforderung.
Die Tatsache, dass Männer und Frauen konsistent eine unterschiedliche Studien- und Berufswahl treffen, deutet darauf hin, dass ihre Entscheidungen auch gesellschaftliche Erwartungen widerspiegeln.Anna Zamberlan, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Quantitative Sozialforschung der LMU
Welche Gründe gibt es für das Fortbestehen der Ungleichheiten?
Bildung und Berufserfahrung spielen eine immer geringere Rolle bei ihrer Erklärung. Dagegen bleibt die berufliche Segregation ein wichtiger Faktor: Männer und Frauen entscheiden sich häufig für unterschiedliche Studienrichtungen, was zu verschiedenen Karrierewegen führt – Männer tendieren zu MINT-Fächern, Frauen häufiger zu geisteswissenschaftlichen und pflegebezogenen Berufen. Ich selbst bin zum Beispiel Soziologin. Ich liebe die Soziologie und habe mich für dieses Fach entschieden, weil es mich wirklich interessiert. Doch die Tatsache, dass Männer und Frauen konsistent eine unterschiedliche Studien- und Berufswahl treffen, deutet darauf hin, dass ihre Entscheidungen auch gesellschaftliche Erwartungen widerspiegeln, denen wir möglicherweise bereits in jungen Jahren ausgesetzt sind. Familie und Schule prägen geschlechtsspezifische Muster und Fähigkeiten dabei oft gar nicht absichtlich.
Unbewusste Vorurteile spielen eine große Rolle dabei, unsere Wahrnehmungen und Entscheidungen zu formen. Das macht es schwierig, traditionelle Muster zu durchbrechen.
Ein anderer Faktor, der weiter besteht, ist Diskriminierung bei der Einstellung, was die berufliche Segregation weiter verstärkt. In geschlechtsuntypischen Berufen stoßen beide Geschlechter auf Barrieren – Männer zum Beispiel im Grundschullehramt. Bemerkenswert ist, dass mehr Frauen in männlich dominierte Berufe vordringen, während nur wenige Männer in weiblich dominierte Berufe wechseln, da diese gesellschaftlich oft unterbewertet und schlechter bezahlt sind. Diskriminierung im Arbeitsmarkt trifft Frauen aber auch wegen ihrer stereotypischen Rolle als Betreuungspersonen. Frauen, insbesondere Mütter, werden oft als weniger karriereorientiert wahrgenommen. Dies beeinflusst ihre Chancen auf Einstellung und Beförderung sowie die Bewertung ihrer Leistung – besonders in hoch bezahlten Berufen mit langen Arbeitszeiten und starren Zeitplänen.
Eine meiner Studien ergab, dass während der COVID-19-Pandemie die zusätzliche Belastung unverhältnismäßig stark bei den Frauen lag.Anna Zamberlan, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Quantitative Sozialforschung der LMU
Wie wirkt sich die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung auf diese Ungleichheiten aus?
Weltweit ist zu beobachten, dass Frauen immer noch den größten Teil der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen, was es ihnen erschwert, sich vollständig auf die Karriere zu konzentrieren. Eine meiner Studien ergab, dass während der COVID-19-Pandemie die zusätzliche Belastung unverhältnismäßig stark bei den Frauen lag. Sie übernahmen mehr Verantwortung in der Kinderbetreuung und im Haushalt, was traditionelle Geschlechterrollen weiter verfestigte.
Solche Ungleichheiten tragen auch dazu bei, dass sich geschlechtsspezifische Stereotype in zukünftigen Generationen fortsetzen: Studien zeigen, dass die Art und Weise, wie Eltern Haushaltsaufgaben untereinander aufteilen, die Geschlechtervorstellungen ihrer Kinder beeinflusst und prägt, wie sie sich selbst später an dieser unbezahlten Arbeit beteiligen.
Väterzeit hat das Potenzial, die Betreuungspflichten innerhalb der Familie gerechter zu verteilen.Anna Zamberlan, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Quantitative Sozialforschung der LMU
Wie können staatliche und betriebliche Maßnahmen wie Elternzeit die Geschlechterungleichheit beeinflussen?
Flexible Unternehmensrichtlinien, die Homeoffice und Unterstützung bei der Kinderbetreuung vorsehen, können dazu beitragen, Verantwortlichkeiten gerechter zu verteilen. Werden sie jedoch uneinheitlich umgesetzt, besteht die Gefahr, dass sie traditionelle Geschlechterrollen sogar noch verfestigen.
Geschlechtsspezifische Elternzeitregelungen entfalten dabei unterschiedliche Wirkungen: Eine lange und großzügige Mutterschutzzeit kann sich negativ auf die Karriere von Frauen auswirken, da sie längere Zeit aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Väterzeit hingegen hat das Potenzial, die Betreuungspflichten innerhalb der Familie gerechter zu verteilen. Doch da sie oft kurz ist und nicht verpflichtend, nehmen Männer nach der Geburt eines Kindes deutlich weniger Tage frei als Frauen.
Das Steuersystem kann ebenfalls eine Barriere für die Gleichstellung darstellen: In Deutschland fördert etwa das Ehegattensplitting die Aufteilung des Einkommens zwischen Ehepartnern, was die geringer verdienende Person – meist die Frau – von einer Vollzeitbeschäftigung abhält. Vor diesem Hintergrund kommen Geschlechterquoten oft zu spät, da sie die Mechanismen, die die Ungleichheiten verursachen, nicht grundlegend beseitigen.
Wie schneidet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in Bezug auf Ungleichheiten ab?
Deutschland hat eine relativ hohe Gender-spezifische Lohnlücke von rund 16 Prozent bezogen auf die Stundenlöhne, die in den letzten Jahren nur geringfügig gesunken ist. Interessanterweise haben einige südeuropäische Länder geringere Lohnlücken als Deutschland. Das liegt allerdings daran, dass dort weniger Frauen am Arbeitsmarkt teilnehmen und die wenigen erwerbstätigen meist hoch qualifiziert und besser bezahlt sind. Daher sind Statistiken zur Lohnlücke nicht immer ein verlässlicher Indikator für die allgemeine Geschlechtergerechtigkeit.
Meine Forschung zeigt, dass Mütter aus niedrigeren sozioökonomischen Schichten bei Einstellungen stärker diskriminiert werden als solche mit privilegierterem Hintergrund.Anna Zamberlan, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Quantitative Sozialforschung der LMU
Sind bestimmte Frauengruppen besonders betroffen von Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt?
Geschlechterungleichheiten überschneiden sich häufig mit sozialen Ungleichheiten wie Klassenzugehörigkeit und ethnischer Herkunft. Meine Forschung zeigt, dass Mütter aus niedrigeren sozioökonomischen Schichten bei Einstellungen stärker diskriminiert werden als solche mit privilegierterem Hintergrund. Zudem können Frauen ethnischer Minderheiten stärker benachteiligt sein als jene der Mehrheitsbevölkerung, da deren geschlechtsspezifische Wahrnehmung noch stärker vorurteilsbehaftet ist. Studien in den USA haben gezeigt, dass Menschen aus Minderheitengruppen, wie afrikanischer oder asiatischer Herkunft, oft eher männliche oder weibliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Dies beeinflusst ihre Erfolgschancen in männlich oder weiblich dominierten Berufen zusätzlich.
KI kann bestehende Diskriminierung noch verstärken.Anna Zamberlan, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Quantitative Sozialforschung der LMU
Trägt Künstliche Intelligenz zur Förderung der Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt bei oder stellt sie eher ein Hindernis dar?
KI hat das Potenzial, beides zu tun, je nachdem, wie sie entwickelt und implementiert wird. Einerseits kann sie Einstellungsprozesse standardisieren und unbewusste Vorurteile damit reduzieren. Andererseits kann sie bestehende Diskriminierung noch verstärken – beispielsweise, wenn sie mit Einstellungsentscheidungen trainiert wird, die von Vorurteilen geprägt sind.
Wie lautet Ihre Prognose für die Zukunft der Geschlechtergerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt?
Das ist die Frage aller Fragen! Der Fortschritt ist langsam, da kulturelle Veränderungen oft Generationen brauchen und tief verwurzelte Umbrüche erfordern. Umso dringlicher ist es, den Prozess zu beschleunigen und in strukturelle Maßnahmen zu investieren. Die Gleichstellung der Geschlechter zu einer politischen Priorität zu machen und effektive Maßnahmen umzusetzen – wie gleiche Elternzeiten für Mütter und Väter sowie flexible Arbeitszeiten – sind entscheidende Schritte.
© privat
Die Soziologin Dr. Anna Zamberlan wirkt als Postdoktorandin am Institut für Soziologie der LMU.
Ihre Forschung konzentriert sich auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere auf Lohnunterschiede, berufliche Segregation, die Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie Diskriminierung.
Zamberlans Arbeit beleuchtet zudem die Schnittstellen verschiedener Dimensionen der Ungleichheit, darunter Geschlecht, Elternschaft und soziale Klasse.
Der Equal Pay Day Deutschland am 7. März ist ein vom Netzwerk „Business and Professional Women Germany“ initiierter Aktionstag. Er soll auf die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen aufmerksam machen, die Chancengleichheit am Arbeitsplatz fördern und Frauen darin bestärken, ihr berufliches Potenzial zu entfalten. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt der Kampagne auf dem Zusammenhang zwischen Gehaltstransparenz und geschlechtsspezifischer Lohnlücke.